Die Kampfsportarten rücken unter dem Einfluss der Diskussion um Jugendgewalt verstärkt in den Blick. Oftmals wird diese beherrscht von der Furcht vor der Gewalt und gar nicht von der

tatsächlichen Gewalt.
Es ist fragwürdig, ob die heutige Jugend gewalttätiger ist als frühere Generationen. Zugenommen hat das Übertreten von bisher ungeschriebenen Grenzen. Es wird nicht mehr gestoppt, wenn jemand am Boden liegt. Deshalb nimmt die Schwere der Verletzungen bei Kämpfen zu. Kämpfen im öffentlichen Bereich entgleitet in die Gewalttätigkeit.
Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Soziologen haben in diesem Zusammenhang den Kampfsport für sich (wieder-)entdeckt.
Körperliches Kämpfen ist unter Kindern und Jugendlichen eine soziale Realität. Nicht nur im Kindergarten werden Konflikte aufgrund der noch fehlenden kognitiven Möglichkeiten der Kinder körperlich ausgetragen. Auch später im Schulkind- und Jugendalter finden Kämpfe zwischen Gleichaltrigen statt.
Dennoch wurde das Kämpfen als Bestandteil der Jugendkultur in seiner pädagogischen Bedeutung jahrzehntelang vernachlässigt, bzw. unterdrückt.
Auch im häuslichen Umfeld findet Kämpfen kaum mehr statt. Dabei wäre hier der Ort wo Kinder im beschützten Rahmen lernen, sich mit Gleichaltrigen, aber auch mit Erwachsenen, d.h. den Eltern zu messen und wichtige Körper- und Sozialisationserfahrungen machen können. Im „Spaßkampf“ geht es z.B. um Aushalten von Nähe usw. Kämpfen hat für Kinder und Jugendliche eine wesentliche Bedeutung im Hinblick auf ihre Persönlichkeitsentwicklung. Nach RIEDER (1977 in BEUDEL/SANDER, S.26) fördern und fordern Kampfsportarten eine gesunde, jugendliche Ichstärke, Selbstachtung, notwendiges Selbstbewusstsein, geformte Kraft, Durchsetzungsvermögen und reale Selbsteinschätzung.
- Jugendliche zeigen großes Interesse am Kampfsport.
- Der Zugang zur Klientel ist somit gesichert.
- Die Vielseitigkeit des Trainingsaufbaus ermöglicht eine Durchführung über einen langen Zeitraum ohne Motivationsverlust der Teilnehmer.
als Mittel der Gewaltprävention

Kämpfen ist gesellschaftlich akzeptiert, solange es nach sportlichen, d.h. fairen Regeln geschieht. Man akzeptiert körperliche Gewalt als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel, verweist sie aber in einen „ungefährlichen“ Rahmen. In fairen Kämpfen findet Ritualisierung von Gewalt statt.
Aggression ist neutral gesehen, die Fähigkeit des Menschen, etwas anzupacken, anzugeben, also zunächst etwas Positives. Erst die destruktive Aggression gegenüber anderen gegenüber Sachen oder sich selbst ist Gewalt. Faires Kämpfen erlaubt einerseits das Ausleben von Emotionen, fordert andererseits aber zugleich Selbstbeherrschung. Durch das faire Kämpfen wird außerdem die eigene Frustrationstoleranz gesteigert, so dass oftmals destruktives Verhalten als Reaktion auf die Umwelt nicht mehr notwendig wird.
Soziale Beziehungsmuster tendieren mit Beginn der Schulzeit dahin, physischen Kont zu unterbinden. Beim Kampfsport findet dieser Körperkont statt. Damit ist die Chance verbunden, ein besseres Körperbewusstsein/Körperbild zu entwickeln.
Kämpfen fördert durch das direkte, unvermittelte Betroffensein das Erfahren der eigenen Verletzlichkeit oder das Umschlagen von Mächtig- in Ohnmächtig- Sein, soziale Sensibilität, Respekt vor dem Übungspartner und soziale Verantwortung.
Die Notwendigkeit zum Einhalten von Regeln leuchtet beim Kämpfen sofort ein. Regeln dienen dem Schutz des Einzelnen. Regeln sind aber auch zugleich erweiterbar, veränderbar, interpretierbar, solange es fair zugeht und beide Partner diesem Prozess zustimmen können. Kämpfen fördert also auch das Regelverständnis.
Das Training konfrontiert die Teilnehmer mit ihrem (unbewussten) Aggressionspotential, welches unter Anleitung kontrolliert nach außen getragen und kanalisiert wird. Dieser Vorgang ermöglicht langfristig einen kultivierten Umgang mit Aggressionen und lässt eine Ehrenkodex zu.
Jugendliche lernen, dass der erwünschte Trainingserfolg nur durch ein hohes Maß an Eigendisziplin, Geduld und Selbstüberwindung zu erreichen ist. Es dauert eine Zeit, bis die Techniken entsprechend eingeübt sind, um wirkungsvoll zu sein. Nach dieser Zeitspanne sind die Jugendlichen in der Regel soweit, mit Konflikten konstruktiver umzugehen. Eine Gefahr des Missbrauches des Gelernten ist somit relativ gering.
Ein wichtiger Aspekt des Kampfsportes ist die Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist. Es werden Übungen durchgeführt, welche zum Einen die mentale Leistungsfähigkeit (z.B. Konzentration) und zum Anderen die Motorik verfeinern. Die Jugendlichen lernen, ihre Kraft realistisch einzuschätzen und damit umzugehen. Sie sind dann in der Lage, in Situationen, in denen sie mit Gewalt konfrontiert werden, ihre Fertigkeiten notfalls kontrolliert und angemessen einzusetzen (Verteidigung). Es wird verhindert, dass andere durch blinden Zorn und Verlust der Selbstbeherrschung verletzt werden.
Zur Förderung des sozialen Lernens gestaltet sich der größte Teil der Übungen als Partnerübungen. Dabei bekommen die Jugendlichen ein Gefühl für den Umgang mit anderen. Weiterhin baut sich ein gegenseitiges Vertrauen auf, da gerade im Kampfsport die Einstimmung auf den Trainingspartner sehr wichtig ist.
Neben der Körperlichen Gewalt erfahren Jugendliche oft in nicht unterschätzendem Maße psychische Gewalt (Erpressung, Mobbing, Gewalt in Abhängigkeitsverhältnissen). Durch die Vermittlung eines positiven Selbstbildes mit den Inhalten Selbstvertrauen, Selbstsicherheit und Akzeptanz der eigenen Schwachstellen, entwickelt sich eine modifizierte Moral und Lebenseinstellung. Begriffe wie Ehre und Anstand bekommen eine größere Bedeutung und werden in der Lebenswelt der Jugendlichen wieder aktualisiert.
